Nachruf für Dr. Catherine Hamlin (1924 – 2020)

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Mit 96 Jahren verstarb am 18. März Dr. Catherine Hamlin, Mitbegründerin des Addis Abeba Fistula Hospitals und engagierte Kämpferin für die Würde von Frauen mit Geburtsverletzungen.

Wir, Jutta Ritz und Dr. Barbara Teltschik, lernten sie beide unabhängig voneinander gegen Ende ihres aktiven Berufslebens kennen, waren beeindruckt von ihrer visionären Klarheit und Stärke und es war uns eine große Ehre, sie in ihrem Wirken über 15 Jahre unterstützen zu dürfen. Ihrer Stimme ist es zu verdanken, dass sich heute viele Organisationen für die Müttergesundheit in Entwicklungsländern engagieren.

Geboren, aufgewachsen und ausgebildet in Australien kam sie 1959 mit ihrem Mann Reginald und kleinen Sohn Richard nach Äthiopien, einem Ruf des Kaisers Haile Selassie folgend, der Gynäkologen zur Ausbildung von Hebammen suchte. Vor dem Krankenhaus trafen sie viele Patientinnen, die aufgrund ihres Geruchs nicht hereingelassen wurden – man könne ihnen sowieso nicht helfen. Ihre ärztliche Auffassung war anders und sie fingen an, sich mit der in der westlichen Welt heute vergessenen Problematik der Geburtsfistel zu beschäftigen und eine moderne, einfache Operationstechnik zu entwickeln.

Der Zustrom von Frauen aus allen Landesteilen konnte kaum bewältigt werden, so dass sie mit Spendengeldern aus Australien, England und USA 1974 ein eigenes Krankenhaus mit 120 Betten am Stadtrand von Addis Abeba eröffneten.

Über 40.000 Frauen wurden seither operiert, Dutzende von Gynäkologen aus Äthiopien und anderen Entwicklungsländern in Fistelchirurgie ausgebildet. Der ganzheitliche Anspruch stand immer im Vordergrund, die Patientinnen nicht nur chirurgisch, sondern auch psychologisch, physio- und ergotherapeutisch zu behandeln und ihnen Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Wissen über ihre Erkrankung mit nach Hause zu geben, um ein selbstständiges Leben zu führen.

Prävention war ein weiteres Anliegen, das Dr. Catherine Hamlin aufgrund des lange dauernden Bürgerkriegs in Äthiopien erst nach dem Tod ihres Mannes verwirklichen konnte. Eine Hebammenschule wurde gegründet, staatliche Gesundheitszentren mit Geburtseinheiten ausgestattet, die fünf regionalen Hamlinkliniken führen auch Kaiserschnitte durch. Letzteres konnte die bis ins hohe Alter tätige Operateurin nicht mehr aktiv mitgestalten, doch die Hebammenschule war ihr Herzblatt, war sie doch ursprünglich dafür ins Land gekommen.

Bis vor wenigen Jahren führte Dr. Catherine Hamlin der tägliche Spaziergang durch das Klinikgelände noch über die Station, wo sie mit Interesse an Visiten teilnahm und Ratschläge erteilte.

Zunehmend geschwächt, spazierte sie bis vor kurzem mit Mamitu, ihrer ersten Patientin, langgedienter OP-Schwester, liebevoller Betreuerin und Freundin, jeden Tag durch den wunderschönen Garten der Klinik, begrüßt von Mitarbeitern und Patientinnen. Zurückgezogen in ihrem kleinen Haus auf dem Klinikgelände, das sie gerade wegen der Einfachheit liebte, schlief sie in der Nacht auf Mittwoch ruhig ein, in den letzten Tagen begleitet von Dr. Fekade, dem ehemaligen Chefarzt der Hamlinkliniken.

Vor Jahren lernte sie Alice Emasu kennen, die ihr über ihre Vision einer Fistelklinik in Uganda berichtete. Ihr Kommentar: „We have to help this lady!“ Die Flamme tragen wir jetzt von Deutschland aus weiter nach Uganda.

Im Gedenken

Jutta Ritz

Dr. Barbara Teltschik
Vorstand Fistula e.V.

Video

Foto: Kornelia Altdörfer

Fistula e.V. – Hilfe für geburtsverletzte Frauen in Afrika

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Seit 2003 unterstützt Fistula e.V. aus Bruchsal das Fistula-Krankenhaus in Äthiopien, seit einem Jahr den Bau eines neuen Krankenhauses in Uganda. Ursprünglich aus einer Privatinitiative hervorgegangen, hat der Verein inzwischen Spender aus ganz Deutschland. Infos über www.fistula.de
Unterstützt werden die Kliniken vor allem mit urologischem Knowhow und Medizintechnik. Dr. Barbara Teltschik, ehemals niedergelassene Urologin aus Stuttgart, ist mehrmals im Jahr vor Ort zur Fortbildung und Klärung des Bedarfs. Im Fokus steht nun das Krankenhaus in Uganda, die Beschaffung medizinischer Geräte in Uganda und Einarbeitung des medizinischen Teams auf die besonderen, auch psychischen und sozialen Bedürfnisse der Fistelpatientinnen stellt eine echte Herausforderung dar.

Dr. Renate Röntgen, ehemals leitende Oberärztin im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld, ist seit 5 Jahren in Addis Abeba tätig und organisiert eine urogynälologische Weiterbildung für Gynäkologen in Kooperation mit der Universität Mekelle. Neben Harnableitungen wie sie bei uns nur Tumorpatienten benötigen, hat sie die endoskopische Steintherapie eingeführt. Diese Eingriffe sind vor Ort eine schwierige Aufgabe und benötigen viel Erfahrung und Improvisationstalent.

https://shop.fistula.de/geschenkspenden/

Alice Emasu

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Gründerin und Geschäftsführerin von TERREWODE in Uganda     
1999 gründete Alice die Vereinigung zur Neuorientierung und Rehabilitation von Teso-Frauen für Entwicklung (TERREWODE Empowering Woman and Girls).
Leidenschaft für die Gleichstellung der Geschlechter und soziale Gerechtigkeit ist die treibende Kraft ihrer Arbeit im Bereich Gesundheit- und Wirtschaftssysteme die Frauen und Mädchen entmachten.
Alice hat eine vielschichtige Strategie entwickelt, die sich mit den wichtigsten Gesundheitsproblemen, der landwirtschaftlichen Produktivität und mit rechtlichen Fragen des Grundbesitzes befasst. Sie beseitigt Hindernisse für die wirtschaftliche Entwicklung und die Rechte der Frauen in Uganda.
Alice ist als Kind eines Dorfvorstehers, in der Subregion Teso im Norden Ugandas geboren worden, was ein besser gestelltes Leben bedeutete. Jedoch hat sich durch den Tod des Vaters als sie 3 Monate alt war, das gesamte Leben in das Gegenteil verkehrt. Ihre Mutter wurde wie es in diesem Teil der Welt üblich ist von den Schwiegereltern enterbt. Alice musste mit ansehen wie ihre Mutter unter dieser Stigmatisierung und Diskriminierung der ugandischen Frauen leiden musste. Das Überleben wurde zur täglichen Herausforderung. In den wirren des damals herrschenden Bürgerkrieges sah sie wie Familien ihre jungen Töchter verheirateten um sie gegen Essen zu tauschen. Viele der jungen Mädchen wurden sehr bald schwanger und bei der Geburt traten sehr oft Komplikationen auf, viele starben. Betroffen davon, auch weil einige Ihrer besten Freundinnen auf diese Art das Leben verloren, sah sie sich gezwungen etwas für die Frauenrechte zu unternehmen. Sie erkannte, dass Geburtsfisteln und Armut in engem Zusammenhang stehen.
Mit 16 Jahren schrieb sie bereits Zeitungsartikel für die führende Zeitung Ugandas (New Vision) um auf nationaler Ebene ein Bewusstsein für die Not der Menschen insbesondere der Frauen in der Teso Region zu schaffen. Sie wurde schließlich von der Zeitung eingestellt bevor sie noch ihr Studium abgeschlossen hatte.
Mit der Gründung von TERREWODE und dem Bau eines Hospitals hilft Sie Frauen, die durch Geburtsverletzungen ausgeschlossen sind, wieder zu einem lebenswerten Leben. Fistula e.V. unterstützt sie dabei.
Mit der Operation der bei der Geburt entstandenen Verletzungen und der Stärkung des Bewusstseins der Frauen durch die Terrewode Selbsthilfegruppen, Unterstützung bei der Ausbildung Ihrer unternehmerischen Fähigkeiten und in rechtlichen Angelegenheiten verhilft sie Frauen zu einem selbständigem Leben.

 

Ihr Traum, den sie vor über zwei Jahrzehnten begonnen hatte zu träumen, ist wahr geworden. Ein Krankenhaus für Frauen mit Geburtsverletzungen in Ihrer Heimat Uganda!
Quelle: Ashoka.org
Ausbildung:
Sozialunternehmerin mit einem Master of Social Work der George Warren Brown School an der Washington University in St. Louis, USA
Master of Business Administration für Sozialunternehmer, Universität Cattolica, Italien
Bachelor of Arts in Massenkommunikation an der Makerere University
Diplom in Entwicklungsjournalismus, das indische Institut für Massenkommunikation – New Dehli
Diplom in Medien und Demokratisierung, die Universität Oslo-Norwegen
mehrere Zertifikate in Women Studies

Happy Birthday Dr. Catherine Hamlin

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Am 24. Januar wird Dr. Catherine Hamlin 94 Jahre alt. Geboren in Australien, studierte sie dort Medizin, heiratete und bekam einen Sohn. 1959 reiste sie zusammen mit ihrem Mann Dr. Reginald Hamlin und ihrem Sohn nach Äthiopien. Ursprünglich wollten sie 2 Jahre bleiben und eine Hebammenschule eröffnen.
Jetzt, fast 60 Jahre später, ist Dr. Catherine Hamlin immer noch in Äthiopien. Sie hat die Hebammenschule eröffnet – aber noch viel mehr bewirkt. Zusammen mit ihrem Mann eröffnete sie das Fistula Hospital und hat seitdem über 50.000 Frauen mit Geburtsfisteln erfolgreich behandelt.
Wir wünschen ihr alles Gute. Frau Dr. Catherine Hamlin lebt in ihrem Häuschen auf dem Gelände des Fistula Hospitals und wird von allem Mitarbeitern rund um die Uhr aufs Beste versorgt. Wir wünschen sehr, dass sie ihren Lebensabend friedvoll und gesund verbringen kann.

Buch Dr. Catherine Hamlin

Zurück ins Leben – Brigitte – Heftnummer (16/2017)

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In der Brigitte ist momentan ein 5-seitiger Bericht über das Fistula Hospital. Die Journalistin Andrea Jeska war im Frühjahr 2017 in Addis Abeba im Fistula Hospital. Diese Recherche wurde durch ein Stipendium des European Journalism Centre und der Gates-Stiftung ermöglicht. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Frau Jeska, die Redaktion von Brigitte und die Gates-Stiftung.

Mehr Infos und Artikel Download unter:Presse Fistula.